mi estas

November 2012

Göttin

Seit zwei Stunden wälze ich mich in meinem Bett hin und her und finde keinen Schlaf. Jedes einzelne Ticken meines Weckers plustert sich auf zu einer Anklage gegen mich. Jämmerlich kauere ich mich in meine Bettdecke und verfluche meine Idee, heute Abend mal nüchtern zu bleiben. Schon lange kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal nüchtern eine Nacht durchgeschlafen habe. Diese Schlaflosigkeit nagt, sie hängt wie eine dunkle Wolke über mir und macht mich jeden Tag noch etwas kaputter. Weil mir langweilig ist und an Schlaf gerade sowieso nicht zu denken ist, fange ich an etwas lieblos an meinem Schwanz rumzuspielen. Ein erbärmliches Bild. Ich habe gelernt ein verschissener Verlierer zu sein. Um mich abzulenken, versuche ich an die einzige Frau zu denken, die hier in diesem Bett mit mir lag. Ihr Name war Flocke. Wir lernten uns vor 4 Jahren in einer Bar nicht weit von meiner Wohnung kennen, wo ich häufiger versinke um meine Seele mit Bier und Schnaps zu betäuben. Sie war rotzbesoffen, aber auf eine seltsame Art unfassbar elegant. Mir ist bis heute nicht klar, was sie in dieser späten Nacht dazu geritten hat, mich, den armseligsten Penner in dem Schuppen, anzuquatschen, aber ich bin ihr bis heute dankbar. Wir redeten und tranken viel, ich machte ein oder zwei dümmliche Witzchen, über die sie lachte und irgendwann gingen wir zu mir, um weiter zu trinken und rauchen. In dieser Nacht war sie meine Göttin. Als sie, was ja irgendwie so kommen musste, nackt auf mir saß und ich mit meiner Hand über ihre wunderschöne Taille fuhr, da war das der bemerkenswerteste Augenblick in meinem sonst so trostlosen Leben. Als sie neben mir einschlief, beobachtete ich sie noch eine Weile im faden Licht der Straßenlaternen, das durch die zugezogene Jalousie in mein Zimmer fiel, wie sie besoffen und schnarchend da in meinem Bett lag und sich ihr Brustkorb in regelmäßigen Abständen sanft hob und wieder sank. Als ich am nächsten Morgen viel zu früh vom Baulärm auf der Straße geweckt wurde, war sie schon verschwunden. Etwas verwirrt und auch traurig, irrte ich durch meine kümmerliche Bude und suchte irgendwas, was sie mir da gelassen hätte, ein Zettel, eine Nummer, irgendwas. Aber da war nichts. Flocke war wieder weg. Verschwunden in diesem Moloch einer Stadt. Danach fiel ich in ein tiefes Loch, zog mich noch mehr zurück, trank wieder viel mehr. Ab und zu ging ich noch in die Bar um die Ecke, um sie vielleicht noch mal wiederzusehen, doch außer dem Boden des Glases sah ich in diesen Nächten nichts. Ich spüre immer noch, dass mein Herz zu rasen beginnt, wenn ich mich an diese eine Nacht zurückerinnere. Der Höhepunkt in meinem sonst so grauen Leben. Mein Verliererleben, das sich genau in diesem Moment so deutlich widerspiegelt, wenn ich schlaflos in meinem Bett liege und meinen halbsteifen Schwanz lustlos in der Hand halte. Scheiße, ich brauche Schlaf und dafür brauch ich Schnaps.

Ohne Titel (35)

Es ist die Nacht auf den 16. September. Bedächtig schiebt sich mein Auto über die dunkle Autobahn. Die Lichtkegel meiner Scheinwerfer drücken die Dunkelheit beiseite, der Motor summt leise. Auf der Strecke ist wenig los, ich fahre zügig. Am nächsten Morgen möchte ich sie überraschen. Möchte mit einer Tüte warmer Brötchen vor ihrer Tür stehen und ihr Lächeln sehen. Das Lächeln, für das ich die Nacht durchfahre. Laut meinem Navi sind es noch einige Hundert Kilometer, geschätzte Ankunft 8:14 Uhr. Abseits der Fahrbahn entdecke ich ein helles Schimmern. Die Fahrbahn macht an dieser Stelle eine Kurve und ein paar Bäume versperren mir die Sicht. Einige Momente später kann ich die Situation wieder voll sehen. Ein Holzhaus, wahrscheinlich eine Scheune, steht in Flammen. Sofort steige ich auf die Bremse und komme auf dem Standstreifen zum stehen. Etwas hektisch krame ich nach meinem Handy und tippe den Notruf. Ohne mich umzusehen, stürze ich aus meinem Auto, das Handy am Ohr, den Blick auf die Flammen fixiert. Nur noch im Augenwinkel sehe ich ein anderes Licht. Bevor ich reagieren kann, werde ich von einem Auto erfasst und ein Stück in die Luft geschleudert. Der Aufprall auf der Fahrbahn ist hart. Kurz spüre ich wahnsinnige Schmerzen in meinem ganzen Körper, dann setzt mein Gehirn Stoffe frei, die die Schmerzen in ein dumpfes Taubheitsgefühl verwandeln. Meine Sicht ist getrübt, auf meinen Ohren höre ich ein grelles Pfeifen. Dann verliere ich mein Bewusstsein. Für einen Moment komme ich wieder zu mir, kann Blaulichter wahrnehmen und fühle eine warme Flüssigkeit über meine Stirn laufen. Danach wird wieder alles schwarz.

Als ich aufwache, liege ich in einem Krankenbett. Der Herzmonitor neben mir gibt in regelmäßigen Abständen ein leises Piepen von sich. Meinen Kopf kann ich nicht bewegen, deshalb kann ich auch nicht an mir heruntersehen wie lädiert ich bin. Ich liege steif in dem Bett und starre an die weiße Decke über mir. Die Finger meiner rechten Hand kann ich problemlos bewegen und bin darüber wirklich froh. Erst jetzt realisiere ich die Vorkommnisse, die mich an diesen Ort statt an ihre Haustür geführt haben. Ich drücke mir eine Träne aus dem Auge, die gemächlich über meine Wange kullert, weil ich meine Arme nicht bewegen kann, um sie wegzuwischen.

Vier Wochen dauert es bis ich wieder vollständig zusammengeflickt bin. In dieser Zeit wurde ich mehrmals gefragt, ob ich Angehörige habe, die verständigt werden sollen, aber ich verneinte stets. Als ich zuhause ankomme, öffne ich meinen Briefkasten und ein Schwall an Werbebriefchen und Rechnungen rutscht mir entgegen. Oben in meiner Wohnung sieht fast alles aus wie immer, nur die Zimmerpflanzen sind mittlerweile deutlich braun geworden. Auf dem Anrufbeantworter blinkt eine kleine „01“ und als ich ihre Stimme höre, wie sie sich nach meinem Befinden erkundigt und mir sagt, dass ich mich mal wieder melden solle, bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

Oktober 2012

45 Jahre

Was hat es dir zu bieten
Das Wunder, das sich Leben nennt?
Außer Frustration in Arbeitslagern
Tage-, wochen-, jahrelang
Was hat sie dir zu bieten
Die große, weite Welt
Außer Blut, das sich mit Tränen mischt
Und Schlägen ins Gesicht