Eine Zugfahrt

von nomissimon

15 Uhr, ich stehe am Gleis 1 und warte auf meine S-Bahn. Zwar hab ich mich schon langsam damit abgefunden, dass die Bahn es einfach nicht schafft mich pünktlich von A nach B zu fahren, doch jedes Mal wenn ich in einem dieser grauen Bahnhöfe stehe und auf die Gleise starre, merke ich, wie die Hoffnung in mir wieder zu brodeln beginnt vielleicht doch mal einen dieser Züge zu erwischen, die genau nach Fahrplan fahren.

15:05 Uhr, die S-Bahn fährt mit nur einer Minute Verspätung in den Bahnhof ein, fast zeitgleich beginnt in meinem mp3-player Slipknot. Slipknot, ich weiß noch nicht mal warum ich überhaupt ein Slipknot-Lied auf meinem mp3-player habe, aber immer wenn ich es schon fast verdrängt habe, schleicht es sich wieder in meinen Kopf. Die Tür öffnet sich und an mir vorbei strömen die Menschen aus der S-Bahn in Richtung Treppen, ich stehe da, den Kopf leicht gesenkt und immer noch ein bisschen wütend über die Shuffleauswahl meines mp3-players, aber auch zu faul um ihn aus meiner Hosentasche hervorzukramen und ein Lied weiterzuschalten, und während der letzte Fahrgast gerade aus der Tür kommt hebe ich meinen Arm um mich am Haltegriff neben der Tür in die S-Bahn zu ziehen. Links neben der Tür ist ein Vierer frei, den ich zielsicher und mittels einiger großer Schritte vor allen anderen einsteigenden Personen erreiche. Ich setze mich auf den Fensterplatz in Fahrtrichtung und stelle meinen schwarzen, heute ausnahmsweise mal leichten, Rucksack auf den Platz neben mich, kontrolliere mit einem prüfenden Blick seinen sicheren Stand und erblicke dann auf dem Vierer rechts vom Mittelgang zwei junge hübsche Mädchen. Mit dem Gedanken, dass sie zu jung und zu hübsch für mich sind, drehe ich meinen Kopf beschämt in Richtung Fenster. Die Türen schließen und ich bereite mich mental schon auf die Abfahrt vor, als ziemlich unvermittelt eine mittelalte Frau und ein etwa gleichaltriger ziemlich dicker Mann durch die S-Bahn laufen und genau an meinem Vierer Halt machen. Die Frau setzt sich mir gegenüber, während der Mann mit einem leeren Ausdruck auf meine Tasche schielt. Ich verstehe und nehme die Tasche, innerlich sehr widerwillig, von dem Platz neben mir auf meinen Schoß, während sich der Mann mit vollem Schwung in den Sitz fallen lässt. Die S-Bahn fährt los, ich betrachte die immer schneller werdende Umgebung, während ich versuche meine langen Beine so nah wie möglich an meinen Körper zu ziehen um bloß keinen meiner Mitreisenden zu berühren. Die Frau gegenüber ist endlich still geworden, anscheinend hat sie dem Mann neben mir nichts mehr zu sagen, ich bin froh, ihre Stimme war sehr quitschig und trieb mir einen leichten Schauer über den Rücken. Sie trägt eine runde dünne Brille, hat braune lange Haare und ich kann meinen Blick nicht von ihrem großen Muttermal auf ihrer linken Wange losreissen. Mein rechtes Bein hab ich seit der Anfahrt der S-Bahn angespannt, weil es sonst das Bein des dicken Manns neben mir berühren würde, da bin ich mir recht sicher, und obwohl es jetzt bereits nach noch nichtmal einer Haltestelle schon furchtbar schmerzt kann und will ich es einfach nicht lockerlassen. Der Zug hält an, während vereinzelte Fahrgäste die S-Bahn an diesem kleinen Bahnhof verlassen wage ich eine Blick auf die Bahnhofsuhr und berechne die wahrscheinliche Ankunfstzeit an meinem Bahnhof, natürlich inklusive der mittlerweile rund drei Minuten Verspätung. In dem Gestrüp links neben mir turnen zwei kleine Sperlinge auf den dünnen Ästen und ich versinke für eine kurze Zeit in Gedanken und male mir aus, wie es wohl sein mag ein kleiner Sperling zu sein. Später muss ich feststellen, dass meine Vorstellung an ein Sperlingdasein viel zu romantisch sind und schnell macht sich die traurige Realität wieder breit, aber ein kleiner Hauch Sperlingsromantik bleibt noch in mir für den Rest der Fahrt.

Inzwischen haben glücklicherweise Tito & Tarantula Slipknot in meinem mp3-player abgelöst und es macht sich etwas Müdigkeit in mir breit. Der Zug ruckelt und mein linkes Knie berührt das rechte Bein der Frau gegenüber, für kurze Zeit verspüre ich eine absolute Abscheu für diese Person. Ich überlege kurz warum ich so eine Abscheu empfunden habe, doch dann kocht es förmlich in mir über, ich hasse diese Person, ich hasse es wie sie da Sitz, ich hasse es dass sie überhaupt da sitzt, ich hasse die Art wie sie ihre Handtasche hält, ich hasse wie sie mit ihren Glubschaugen in die Leere starrt, ich hasse ihr Muttermal und ihre Frisur, ihr Aussehen und ihre Stimme, ihre Schuhe und ihre Jacke, ich hasse alles an ihr. Der Zug fährt in meinen Bahnhof ein und ich möchte nur noch raus, ich möchte raus aus diesem Zug, raus aus vier Minuten Verspätung, raus aus diesem Platz mit dem dicken Mann neben mir und der ätzenden Frau gegenüber, einfach nur raus.

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