Aus vier Sitzen mach zwei

von nomissimon

Oder: „Wie die Umstrukturierung eines Vierersitzes zu einem Zweiersitz für eine der größten Verwirrungen im öffentlichen Personennahverkehr innerhalb der letzten 20 Jahre gesorgt hat“

Wer früher einen Bus der Nahverkehrsbetriebe betreten hat, der hatte zu seiner Rechten und zu seiner Linken jeweils einen Vierersitz zur Verfügung. Ich weiß nicht, seit wann es diese Einteilung gab, aber sie hatte sich bewährt und war dem gewohnten Busreisenden schon in Leib und Seele übergegangen. Doch vor einiger Zeit, es müsste so vor 5-8 Jahren gewesen sein, entschieden wichtige Herren in teuren Anzügen bei wichtigen Besprechungen über wichtige und unwichtige Dinge, sprachen über den letzten Urlaub in Brasilien, Fußballergebnisse und Geburtstagsgeschenke, und ganz nebenbei wurde über den Kauf neuer Omnibusse diskutiert und mit der Entscheidung für den Kauf dieses einen neuen Modells trieb man vielen alteingesessenen Busreiseveteranen einen Pflock direkt in das alte Monatsticketherz. Hatten die neuen schnittigen Modelle nicht nur neue BlingBling-Felgen, Klimaanlagen und super High End HALT-Knöpfe, nein, auch wurde der vordere, in Fahrtrichtung, linke Vierer durch einen extravaganten, revolutionären Zweier ersetzt. Revolutionär, weil zu groß für einen einzelnen normal gebauten Menschen, aber auch zu klein für zwei, ein Drahtseilakt also zwischen einer absolut architektonischen Fehleinschätzung menschlicher Körpermaße und Sitzgewohnheiten in öffentlichen Verkehrsmitteln und dem schier unerreichbaren Ziel, endlich einen passenden Sitz zu erschaffen für die neue immer fetter werdende Wohlstandsgesellschaft, die es Leid war ihre, in viel zu enge Jeans gepressten Oberschenkel auch noch auf einen zu kleinen Bussitz zu quetschen. Ein ziemlich gewagtes Unterfangen für einen Omnibusinnenarchitekten und auch von der Verkehrsgesellschaftsobrigkeit hatte ich so einen riskanten Schritt nicht erwartet, haben die meisten der Herren einen Linienbus doch schon seit längerer Zeit nicht mehr von innen gesehen.

Nach und nach wurden die alten Busse in den Ruhestand verabschiedet und die neuen flitzigen Modelle mit ihrer sonderbaren Sitzplatzanordnung warteten nur darauf das stupide Busfahrervolk zu verwirren, zu demütigen und ihnen ihre eigene dekadente Fettleibigkeit auf die Nase zu binden. Immer wieder kam es zu verworrenen Situationen, als verliebte Päarchen im Liebestaumel zielsicher auf den einst omnipräsenten Vierersitz zuschlenderten, um dann zu bemerken, dass sie zwischen Aussenwand und Armlehne eingeklemmt waren und meist ohne fremde Hilfe diese neuartige Sitzgelegenheit nicht mehr verlassen konnten. Ich hörte von einem jungen Paar, welches leicht angeschwipst, mitten in der Nacht stecken blieb und kurz darauf elendig erstickte, weil der Fahrer des Nachtbusses friedlich an einer roten Ampel eingeschlummert war und weder der Junge noch das Mädchen die Kraft in den Lungenflügeln aufbringen konnten ihn wachzuschreien. Natürlich schliefen die Herren Vorstandsvorsitzenden zu dieser Zeit und als das Thema während einer ihrer wichtigen Sitzungen angesprochen werden sollte, war plötzlich der knackige Hintern der neuen Sektretärin des Herrn E. viel wichtiger, sie selbst haben ja auch keine Kindern, gut, maximal vielleicht mit einer philippinischen oder wahlweise auch brasilianischen Prostituierten, die haben aber sowieso kein Geld für den Bus. Ist aber vielleicht auch besser so, so sollen schließlich letztens in Brasilien einige alte deutsche Linienbusse angekommen sein, die anstatt der sonst in Brasilien üblichen Zweiersitze jetzt auch Vierersitze installiert haben. Ein Chaos, sag ich ihnen.

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