ÖPNV-Tipps 1: Der Sitznachbar

von nomissimon

Körperkontakt im allgemeinen, mit Unbekannten im speziellen, ist größtenteils abscheulich und um jeden Preis zu verhindern. Für den ungeübten Bus- und Bahnfahrenden stellt es eine ungeahnte Herausforderung dar, jeder Person unmissverständlich mituzteilen, dass man auf eine Sitznachbarschaft, auch wenn sie nur für wenige Haltestellen vorgesehen ist, gut und gerne verzichten kann. Da ich bereits auf eine lange Karriere im öffentlichen Nahverkehr zurückblicken kann, konnte ich mir mit der Zeit verschiedene Methoden meiner Mitreisenden abgucken, neue entwickeln und täglich soweit perfektionieren, dass mir ein Sitznachbar in ca. 90% der Fahrten (einige Unbelehrbare gibt es ja immer und deswegen muss eine Ausfallquote leider mit einberechnet werden) erspart bleibt. Und da ich ja ein ziemlicher Gutmensch bin und anderen gerne meine Forschungsergebnisse präsentiere, hier ein paar Tipps, die, wie schon erwähnt, sich ziemlich etabliert und Reisen im Nahverkehr um einiges angenehmer gemacht haben.

In Bussen hat sich mit den Jahren eine deutliche gesellschaftliche Aufteilung herauskristallisiert, die so, auch wenn sie nie irgendwo schriftlich festgehalten wurde, trotzdem von fast allen Menschen (wie gesagt, ein paar Ausreisser gibt es immer) eingehalten wird: Vorne, nah beim Busfahrer, sitzen Senioren und solche, die es gerne sein möchten, hinten Jugendliche und solche, die es gerne noch wären. Die beste Sitzplatzregion befindet sich in der neutralen Mitte des Busses, direkt hinter der hinteren Tür, aber in Fahrtrichtung. Dies lässt sich leicht erklären: Senioren, die sich teilweise nur mühsam auf den Beinen halten können und bei denen man sich manchmal wundert, wie sie den Weg von der Haustür bis zur Haltestelle überhaupt geschafft haben, sind für jede Sitzgelegenheit dankbar und lassen sich dann nur schwer davon abhalten in die direkte Sitznachbarschaft zu ziehen. Der hintere Teil des Busses mit seiner großen in U-Form gebauten Sitzbank eignet sich nicht, weil dort die Gefahr besteht, dass größere Gruppen Jugendliche den Bus betreten und sich mangels weiterer Sitzmöglichkeiten notgedrungen neben dich setzen. Ausserdem schrillen dort, seit Aufkommen von Lautsprecherhandys, komische Töne aus mobilen Endgeräten, die die Busfahrt nicht gerade angenehmer machen.

Nachdem der geeignete Sitzplatz gefunden ist und man sich dort auf die Abfahrt des Busses bereit machen kann, gilt es folgendes zu beachten um andere Mitfahrer vom Platz nebenan möglichst fernzuhalten:

Möglichkeit 1:

Statt auf den Fenster- eher auf den Gangplatz setzen (übrigens eine Methode, die viele Rentner nutzen), um so schon symbolisch den anderen Platz zu versperren. Hierbei ist aber der Blick aus dem Fenster um einiges schwieriger und auch der kleine Fensterrahmen als Ellenbogenstütze fällt weg.

Möglichkeit 2:

Den andere Platz blockieren, mit einer Tasche, einem Rucksack, ganz egal, hauptsache groß und sperrig. Bonuspunkte gibt es für Tiere, besonders für Ratten und Schlangen.

Möglichkeit 3:

Stoßzeiten vermeiden und Schulen, falls möglich, großräumig umfahren.

Möglichkeit 4:

Sollte es schon passiert sein und jemand sitz auf dem Platz nebenan, hilft ein ca. 1-minütiges Kratzen am halben Körper mit der anschließenden Frage „ob sie denn auch schonmal Läuse gehabt hätten“ wirklich wahre Wunder.

Möglichkeit 5:

Ein dauerhafter Böser-Blick mit einem kleinen Schimmer unvorhersehbarer Unzurechnungsfähigkeit hält zimperliche Artgenossen vom Leib (Vorsicht, nur für geübte Menschen! Da die Möglichkeit besteht eher ein schallendes Gelächter als totale Angst hervorzurufen, sollte möglichst zuhause vor dem Spiegel geübt werden). Hier gilt es aber auch darauf zu achten, ständig aufmerksam zu sein und sich nicht ablenken zu lassen.

Möglichkeit 6:

Steuert ein Mitfahrender den Sitzplatz neben dem eigenen an, so besteht die Möglichkeit Tiergeräusche zu imitieren um ihn so aus dem Konzept zu bringen. Ein deutlicher Unterschied zwischen exotischen Tieren und gewöhnlichen Haustieren ist bisher nicht beobachtet worden.

Möglichkeit 7:

Stämmige Menschen haben gegnüber zierlichen Menschen den Vorteil, dass sie mehr Sitzfläche brauchen und der potentielle Sitznachbar dort weniger Platz hätte. Wer wirklich sicher gehen will, dass sich niemand neben einen setzt, frisst sich die, nach heutigem Stand, empfohlenen 300 Kg an und belegt einfach beide Plätze.

Advertisements