Kino 2, Reihe E, Platz 17

von nomissimon

Es gibt Momente im Leben, die sind schwer zu verstehen, wie damals, als ich ausversehen Nutella auf mein Käsebrötchen geschmiert habe oder letzten Dienstag, als mich ein Schneeball am Hinterkopf traf und hinter mir befand sich nur eine rüstige Rentnerin, die mit Dackel und Spazierstock kämpfte. So ähnlich ist es auch, wenn man versucht sich heutzutage einen Kinofilm in einem dafür vorgesehenen Kinosaal anzuschauen. Dazu muss man wissen, dass ein Kinobesuch vor einigen Jahren ausschließlich daraus bestand, dass man großzügig ein 5-Mark-Stück auf den Tresen knallte, eine Kinokarte in die Hand gedrückt bekam und schließlich im Kinosaal Platz nehmen konnte wo man lustig war. Ein Hauch von Gesetzlosigkeit geisterte durch die Kinosäle, keine übergeordnete Instanz gab dir vor, auf welchem Platz du zu sitzen hast oder neben welcher Person du sitzen musst. Doch irgendwann kamen sie dann, die Logen. Die Missgeburten einer perfiden Idee eines neuen Kinochefs, der sich schon immer über die Schlendrianzustände unter dem alten Chef echauffierte und jetzt endlich seine wahnwitzigen und machtgeilen Pläne durchsetzen kann. Vorbei war es mit dieser unsittlichen Selbstbestimmung von grenzdebilen Kinogängern, hier wehte nun ein anderer Wind. Erst langsam und unauffällig, später dann forsch und ungehalten wurden Kinokarten gedruckt mit Sitzplatznummern drauf, mussten unterbezahlte Auszubildene kleine silberne Nummern auf jeden Platz kleben, nie wieder sollte in diesem Kino ein Besucher auf einem falschen Platz sitzen. Langsam aber sicher unterwanderten die Logenplätze die Kinosäle und in den Köpfen der Besucher brannte sich immer mehr der Gedanke „Bor ey, geil, ein eigener Platz ey, nur für mich.“ ein. Unbemerkt von vielen veränderte das neue System die Menschen, wildfremde Menschen saßen nun Schulter an Schulter in den Kinosesseln, obwohl der Rest des Kinos menschenleer, doch wenn auf der Karte Platz 17 steht, dann setz man sich auch auf Platz 17. Die Karte hat gesprochen!

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