Karl der Sicherheitsmann

von nomissimon

Karl war jetzt 35 Jahre alt, seine Arbeit bestand daraus täglich 6 3/4 Stunden in einer Hotellobby zu stehen und den größtmöglichen Eindruck von Sicherheit und Kompetenz auszustrahlen. Dafür hatte er extra einen neuen Anzug von seinem Arbeitgeber bekommen und überprüfte diesen alle 20 Minuten sorgfältig nach Fusseln oder Falten, in der restlichen Zeit lies er entweder seinen Blick über die Aktienkurse in dem Laufband beim Nachrichtensender schweifen oder beobachtete die vorbeilaufenden Hotelgäste, nicht etwa, weil er Sorge hätte, dass diese eine Gefahr für die Sicherheit in seiner Lobby darstellten, sondern weil er einfach gerne Menschen beobachtete. Er hörte ihnen auch gerne zu, wenn sie sich am Empfang in abstruse Gespräche verwickeln liesen, sehr klischeehaft den Gebrauch der Pornokanäle leugneten oder sich über die Zimmermädchen beschwerten. Karl kannte die Zimmermädchen nur vom Sehen, so wie alle anderen Mitarbeiter des Hauses, nur die Damen vom Empfang hatten ihn mal auf eine Weihnachtsfeier eingeladen, weil er „ja sonst keine habe“. Zwar gab es andere Sicherheitsbedienstete im Haus, doch mit denen hatte er noch nicht mal während der Arbeitszeit Kontakt, für die war er nur „der Typ aus der Lobby“. Theoretisch war es Karl sogar ganz recht, wirklich sympathisch erschienen ihm die anderen Mitarbeiter sowieso nicht, doch manchmal wünschte er sich ein oder zwei nette Kollegen, mit denen er mal den ein oder anderen Witz reißen oder sich über seltsame Hotelgäste amüsieren konnte. Eigentlich war er ja ein netter Typ, dachte er, doch wie sollte er die Kollegen schon kennenlernen, wenn man den ganzen Tag stocksteif in der Lobby rumstehen muss.

Dabei war seine Stelle total unnötig, in den 12 Jahren, in denen er nun hier für Lobbysicherheit sorgte, gab es nur 2 Momente, in denen er gebraucht wurde, aber selbst da hätte auf ihn gut verzichtet werden können, so brenzlig waren die Situationen nie. Doch das gute Bild, wie ihm sein Chef mal mitteilte, sei wichtiger als praktischer Nutzen. Dabei wünschte sich Karl nichts sehnlicher als einen ruhmreichen Moment, eine brenzlige Situation, die durch sein besonnenes und professionelles Eingreifen bereinigt werden kann. Die Menschen würden ihm zujubeln, Kinder zu ihm raufschauen, er würde Autogramme schreiben und Interviews geben. Irgendwann bekäme er eine Parade und der Präsident schüttelte ihm die Hand für sein heldenhaftes Eingreifen, dann, ja dann, will jeder den Typen aus der Lobby kennenlernen.

Advertisements