Einfach was ganz anderes tun

von nomissimon

Ralf war keiner von den coolen Jungs, damals im Gymnasium nicht und jetzt auf der Berufsschule schon gar nicht. Während andere Jugendliche in seinem Alter am Wochenende feiern gingen und sich volllaufen liesen, lag er zuhause in seinem Bett und fantasierte sich mit Hilfe diverser Bücher in Traumwelten. In Welten, in denen er ein anderer Mensch war, nicht so ausgegrenzt und sozial geächtet, wie in dieser. Dabei war er eigentlich ein netter junger Mann, wie er fand, immer freundlich und zuvorkommend, auch Fremden aufgeschlossen, ein gesunder Hang zu guten Manieren, pünktlich, ordentlich, eigentlich alles, was einen sympathischen Menschen in seinen Büchern ausmachte. Doch dass er keine richtigen Freunde hatte störte ihn gar nicht so sehr, ihn störte seine Gefangenheit in dieser Gesellschaft, die Erwartungen die er erfüllen musste, den gesellschaftlichen Druck, den er immer in seinem Nacken spürte und der ihm versuchte einzutrichtern, dass er eine gute Arbeit finden muss, eine Familie gründen und ein Haus bauen, nur dann wäre er ein erfolgreicher und anerkannter Mensch, alles andere wäre indiskutabel und glich einer Blamage für sich und seine Familie. Dabei war er es so Leid, für ihn war dieses Leben keine Freiheit, sondern die Gefangenschaft in einem unsichtbaren Käfig. Für Ralf stand fest, für ihn war dieses vorherbestimmte Leben keine Alternative, er wollte alles hinschmeissen und einfach was ganz anderes tun. Und so packte er seine sieben Sachen, besorgte sich in der Bibliothek ein Buch über essbare Wildpflanzen, schaute nochmal seinen Lieblingsfilm und ging dann einfach weg, ohne sich zu Verabschieden, aber einen Brief lies er da:

Liebe Eltern,

entgegen euren Vorstellungen hat sich euer Sohn für ein anderes Leben entschieden. Ich möchte frei sein und nicht in diesem unsichtbaren Käfig leben, der euch und den vielen anderen Menschen Freiheit vorgaukelt, obwohl ihr nie frei sein werdet. Für mich soll dieses Leben mehr bieten als ein zweiwöchiger Urlaub auf Fuerteventura jedes Jahr und alle fünf Jahre ein neues Auto. Ab dem heutigen Tag wird sich mein Leben ändern, von Tag zu Tag werde ich mir nun Gedanken darüber machen müssen, wo ich schlafe, was ich esse, wie ich weiterkomme, doch genau das ist es, was ich mir wünsche. Es ist gut möglich, dass ich dabei auf die Nase falle, doch wenigstens kann ich mir dann nie vorwerfen es nie versucht zu haben. Und wenn Freiheit bedeutet, dass ich in einem Waldstück schlafen und von abgelaufenen Lebensmitteln aus einer Mülltonne hinter dem Supermarkt leben muss, dann nehm ich das in Kauf. Ich weiß nicht, ob ich jemals zurückkehren werde oder ob wir uns jemals nochmal sehen werden.

Während ihr diesen Brief lest, ist meine Kündigung schon auf dem Weg zu meinem Arbeitgeber. In meinem Zimmer liegen meine Kontodaten und meine Papiere, nehmt mein Geld und meine Sachen und macht damit, was ihr wollt, ich brauch sie nicht mehr.
Lebt wohl,

Ralf

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