In der Straßenbahn durch das Wattenmeer

von nomissimon

Ich werde durch ein Ruckeln geweckt, nachdem ich mir mit der Hand durch’s Gesicht gefahren bin, schaue ich mich um, ich sitze in einer Straßenbahn, einem älteren Modell mit roten gepolsterten Sitzen und goldfarben angemalten Haltestangen, aus den Lautsprechern der Straßenbahn ertönt Sing von ‚Travis‘, ein Blick nach draussen lässt mich erschrecken, brauner Schlick so weit das Auge reicht, vereinzelt werden Sonnenstrahlen vom feuchten Boden reflektiert, von Zivilisation keine Spur. ‚Das dürfte das Wattenmeer sein‘ schießt es mir durch den Kopf, aber weßhalb bin ich hier und warum in einer Straßenbahn. Die Schienen der Straßenbahn liegen auf einem erhöhten Damm, vielleicht könnte ich sogar das Festland von hier aus sehen, doch scheint die Sonne genau in mein Gesicht. In diesem Moment bemerke ich, dass meine Hose komplett durchnässt ist, zum Glück sitz in meinem Abteil sonst niemand vor dem mir dieser Umstand peinlich wäre, aber möglicherweise könnte mir dann jemand sagen warum ich hier bin. Aufgeregt such ich meine Hosentaschen ab, kein Handy und Portemonnaie, kein Schlüssel und mein mp3-player ist auch nicht da, für einen kurzen Moment pocht mein Herz ganz wild und in meinem Kopf kreisen hunderte Gedanken, wie ich jemals wieder nach Hause kommen soll. Überwältigt von den Ereignissen lasse ich mich in die Rückenlehne fallen, strecke meine Beine aus, schließe meine Augen und genieße einen kurzen Moment die warme Frühlingssonne auf meinem Gesicht. Ein lauter Knall stört meinen kurzen Moment Entspannung und das einzige, was ich sehe als ich meine Augen öffne ist die kippende Straßenbahn, ich versuche reflexartig mich irgendwo festzuhalten, aber das einzige was ich spüre ist ein dumpfer Schmerz an meinem Kopf, Blut unterläuft meine Augen bis ich nichts mehr sehe.

Als ich aufwache, liege ich auf einer grünen Wiese. Ich stehe auf und spüre gleich das hohe Gras an meinen nackten Füßen. Ich laufe ein paar Schritte, der Boden ist weich und jeder Schritt ist eine Wonne für meine Füße. Immer noch strahlt die Sonne von einem makellos blauen Himmel herab, ich blicke mich um und entdecke eine Waldlichtung ungefähr 200 Meter entfernt. Langsam laufe ich in Richtung Lichtung und entdecke einen älter wirkenden Mann, der mit dem Rücken zu mir steht. Ich nähere mich zarghaft, rufe vorsichtig „Hallo“, doch der Mann schein mich nicht zu hören, also laufe ich weiter, bis ich fast hinter ihm stehe. In der linken Hand hält der Mann eine große Anzahl von Mikadostäbchen, die er hintereinander gegen den Stamm einen Baumes wirft. Ich stelle mich neben den Mann und beobachte ihn, nach einem kurzen Moment unterbricht er und schaut mich prüfend an. Sekunden vergehen, doch der Mann sagt kein Wort. Nach einiger Zeit widmet er sich wieder seinen Mikadostäbchen ohne überhaupt ein Wort mit mir gewechselt zu haben, ich drehe mich enttäuscht weg und laufe einige Meter in den Wald hinein. Der Boden ist immer noch samtweich, die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Baumwipfel den Waldboden erreichen, ergeben ein imposantes Farbspiel, alles wirkt friedlich und harmonisch. Neben mir landet ein kleiner Vogel auf einem Ast, er blickt mich an und dreht dabei amüsant seinen Kopf. Als er anfängt zu singen, wache ich auf und hau genervt auf meinen Wecker.

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