Fremde Gesichter

von nomissimon

Die Fußgängerzone ist voll, zu hunderten strömen die Menschen an mir vorbei, ich drängel mich zügig durch das Durcheinander, zwischendurch schaue ich in die fremden Gesichter, blicke an den Menschen herunter, was sie tragen, wie sie laufen, ich lasse mich von optischen Eindrücken leiten und schreibe ihnen Charaktermerkmale auf die Seele. Ohne jemals ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben, male ich mir aus, wie dieser Mensch lebt, wie sein Name ist, worüber er nachdenkt und wohin er jetzt geht, ich ordne Menschen in Schubladen ein, nur nach ihrem Erscheinungsbild.

Nach einem kurzen Moment wende ich meinen Blick ab, in der Hoffnung, dass dieser Mensch meine Blicke nicht bemerkt hat, dass er mich nicht bemerkt hat, bloß keine Aufmerksamkeit auf mich lenken, ich möchte unsichtbar sein. Eure musternden Blicke quälen mich, wie eure Augen an mir hoch und runter wandern und der Gedanke, dass ihr euch genau in diesem Augenblick ein Bild von mir macht, dass ihr euch vorstellt wie ich denke und wie ich fühle, wovon ich träume und wovor ich mich fürchte, all das könnt ihr nicht an meiner Kleidung ablesen, es steht nicht in meinem Gesicht geschrieben, vielleicht bin ich ganz anders als ihr es euch vorstellt, passe in keine Schublade, in keine vorgestrickten Denkmuster. Was gibt euch das Recht über mich zu urteilen? Ihr kennt mich nicht, ihr habt keine Ahnung wofür ich lebe, wogegen ich kämpfe, was mich beschäftigt oder wem ich vertraue. Für euch bin ich nur ein Fremder und ihr meint trotzdem über mich urteilen zu können.

Ich fühle mich schlecht, hin und hergerissen, doch ganz tief in mir drin steht die feste Entschlossenheit mich niemals vom Erscheinungsbild meines Gegenübers blenden zu lassen.

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