„Wir schlagen euch tot!“

von nomissimon

Samstag Abend, Gartenparty. Eine kleine Runde, 12 Leute vielleicht, viele davon kenne ich nicht.  Die Gespräche kommen nur schleppend in Gang, immer müssen ein, zwei Leute neue Themen in die Runde werfen, damit ein Gespräch zustande kommt. Doch mit dem Alkoholkonsum werden auch die Zungen lockerer und irgendwann wird aus der vormals stillen Runde ein laut tösender Haufen von Gesprächen, man redet über die Arbeit, über das Wetter und naürlich über die WM. Irgendwo am anderen Ende des Tisches geben sich manche als Big Brother Zuschauer zu erkennen und es beginnt eine, mir fast wie eine Ewigkeit vorkommend, lange Debatte über das Für und Wider irgendwelcher Kandidaten. Währenddessen versuche ich mich mit eher mäßigem Erfolg an der Zapfanlage.

Kurz nach 1 Uhr, das Bier geht langsam zur Neige und auf dem Tisch stapeln sich die leeren Klopfer Packungen. Am Big Brother Teil des Tisches ist die Stimmung mittlerweile feucht fröhlich und die Typen sind nun dabei angekommen sich mit verschiedenen „Helden“geschichten zu brüsten, klotzen statt kleckern heißt das Motto, wer die beste Geschichte drauf hat, der gewinnt. „Weißt du noch damals, als wir bei den Schwuchteln vor der Tür waren?!“,  ein Grund mal aufmerksamer zuzuhören, rechne ich diese Leute doch zu dem Gesellschaftsteil dazu, in dem der Hass auf Schwule mehr als nur akzeptiert ist. Der junge Mann in Lederjacke mit hochgestelltem Kragen fährt fort: „Da sind wir extra noch ein paar Haltestellen weiter gefahren, weil da so scheiß Schwuchteln wohnen, denen wir mal Dampf machen wollten. Mitten in der Nacht haben wir dann da angeschellt und durch die Sprechanlage gesagt: ‚Kommt doch raus ihr Hurensöhne, wir schlagen euch tot! Ihr scheiß Schwuchteln!‘ und als der dann ‚Ich ruf dann jetzt die Polizei‘ gesagt hat sind wir weggerannt“. In der Big Brother Ecke ein leichtes Schmunzeln, mir geht nur ein „Du blödes Sackgesicht“ durch den Kopf, aber ich halt meine Klappe. Ich halte meine Klappe, obwohl ich ihm gerne sagen möchte, dass ich ihn dafür verachte, dass er anderen Leuten vorschreiben möchte wie sie zu leben haben und dass er ihnen mit Gewalt droht, nur weil er meint der Stärkere zu sein. Ich möchte ihn fragen, wie er sich fühlen würde, wenn andere, fremde Menschen ihn so in seinen Freiheiten beschneiden möchten und warum er nicht einfach die Leute lieben lassen kann wen oder was sie wollen, warum er sich so daran stört. Aber ich halte meine Klappe.

Auf dem Heimweg bin ich die Situation noch dutzende male im Kopf durchgegangen, habe hunderte mögliche Reaktionen durchgespielt, hab mir Konter überlegt, mir gedacht, wie man diesen Kerl in dieser Situation vor seinen Freunden hätte bloßstellen können, ob und wie man es hätte anstellen können und ob es überhaupt etwas gebracht hätte. Aber all diese Überlegungen sind unnütz, weil ich in so einem Moment einfach nicht so schlagfertig sein kann, weil mir vielleicht der Mumm dafür fehlt, weil mir genau dann die Worte wegbleiben und ich es dann einfach nicht so rüberbringen kann, wie ich es möchte. Vielleicht schreib ich hier deßhalb lieber ein paar Geschichten, weil ich hier die Zeit habe mir passende Gedanken zu machen und auch mal schlagfertig zu sein, weil mich hier keine Augen erwartungsvoll anschauen, weil ich hier vielleicht genau die passenden Worte finden kann, die ausdrücken, was ich sagen möchte.

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