Mitgefühl

von nomissimon

„Zwei Sesamringe bitte.“ sage ich und hantiere währenddessen mit meinem alten siffigen Portemonnaie herum. „Noch irgendwas?“ fragt der Marktverkäufer und als er die Worte sagt muss er leise aufstoßen. Für einen kurzen Moment schaut er mich an und fängt dann an zu kichern, als wollte er seinen kleinen peinlichen Fehler mit einem Lachen vertuschen. Ich lache nicht und gebe ihm stattdessen den Euro in die Hand, nehme meine Sesamringe und gehe weiter.

Früher hätte ich ihm wahrscheinlich ein kleines Lächeln geschenkt und ihm damit unterschwellig vermitteln wollen, dass ich es nicht schlimm finde. Heute aber lächle ich nicht mehr. Irgendwann in dieser Zwischenzeit ist etwas in mir gestorben. Ich habe verlernt Mitgefühl zu empfinden. Mit meinen Sesamringen in der Hand laufe ich über den Marktplatz, überall sind Menschen um mich herum, ich höre sie sprechen „Ach das freut mich für euch“, „Hm, das tut mir aber leid“ und gehe in Gedanken ein paar alte Erinnerungsfetzen durch. Vielleicht hilft mir der zeitliche Abstand genau den entscheidenden Moment zu finden. Den Moment, der für all das verantwortlich ist. Aber so sehr ich mich auch bemühe, den entscheidenden Moment werde ich wohl nie finden, vielleicht weil es ihn nicht gibt, vielleicht weil all das das Ergebnis vieler kleiner Momente ist, ein stetig wachsendes Gebilde, ein nicht enden wollender Prozess, der mir immer und immer wieder vermittelt, dass Mitgefühl ein Zeichen von Schwäche ist, dass das Mitgefühl, das uns die Gesellschaft vorlebt, einfach falsch ist, vielleicht weil diese Gesellschaft falsch ist, vielleicht aber auch, weil jeder Mensch falsch ist. Ich muss an die etlichen Geburtstage denken, an die Geschenke und an meine Versuche wenigstens ein bisschen Dankbarkeit zu signalisieren. Bin ich ein Soziopath, weil ich noch nicht mal vor meiner eigenen Familie so ein einfaches Gefühl wie Dankbarkeit zustande bekomme?  Immer mehr verrenne ich mich in Gedanken, warum es mir so schwer fällt eigene Gefühle stark genug zu entwickeln und diese dann auch so nach Außen zu tragen, weshalb ich mich nicht in andere Menschen hinein versetzen kann. Ist das der Grund, warum Menschen, die sich selber als „eher so normal“ charakterisieren würden, in mir eher einen Außenseiter oder Freak sehen? Fühle ich mich deshalb in Gesellschaft häufig unwohl und bevorzuge lieber die Einsamkeit? Ist diese emotionale Abgestumpftheit die Ursache für alle meine Handlungsweisen? Und ist sie eher von Vor- oder von Nachteil für mein weiteres Leben?

Zuhause schiebe ich mir ein kleine Stück Sesamring in den Mund. Ich sitze vor meinem Laptop und schmunzle ein bisschen über ein Tiervideo bei Youtube. Ich bin allein und fühle mich wohl.

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