Einfach weggehen

von nomissimon

Als die Straßenbahn losfährt, habe ich mich bereits auf einen Fensterplatz gesetzt und meinen Blick stur Richtung Außenwelt gelenkt. Beim Betreten der Bahn hatte ich versucht möglichst keinem anderen Menschen ins Gesicht oder gar in die Augen zu gucken, mein Kopf war gesenkt und ich schielte mit einem Auge verlegen durch die Bahn um einen freien Platz auszumachen. Es gibt wenig Schlimmeres als halbbekannten Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln zu begegnen und ein Gespräch mit ihnen führen zu müssen, während man eigentlich nur darauf wartet, dass die eigene Haltestelle endlich auf der Anzeige oben erscheint und man sich aus dieser Farce eines Gesprächs flüchten kann. Meistens sind es nämlich genau diese Menschen, die man irgendwann vor Zeiten durch fünf Ecken kennengelernt hat, die einen dann in einem sozialen Netzwerk hinzugefügt haben und irgendwann verlor sich der Kontakt, was aber auch nicht weiter schlimm war, müssten beide Seiten doch eigentlich ziemlich genau wissen, dass man sich nicht soviel voneinander abgewinnen kann, als dass es nur zu einer flüchtigen Bekanntschaft reicht. Während die Bahn die nächste Haltestelle anfährt, entdecke ich einen alten Mitschüler in einem Auto an einer Ampel stehend. Ich bin froh, dass Mami und Papi ihm damals ein Auto gekauft haben, ansonsten bestünde ja die Möglichkeit, dass er genau in dieser, meiner Bahn säße.

In diesem Moment überkommt mich wieder der Wunsch hier alles abzubrechen und möglichst weit abzuhauen. Irgendwohin, wo mich niemand kennt, wo ich durch die Fußgängerzone laufen kann ohne irgendeinem Menschen zu begegnen, der zufällig mal für eine kurze Zeit in meinem Leben auftauchte, aber auch genauso unauffällig wieder verschwand. Um keinem Menschen mehr zu begegnen und sich selber zu fragen, ob man sich jetzt gegenseitig Hallo sagt oder es doch lieber bleiben lässt. Um mich nicht „Und was machst du so?“-Fragen stellen zu müssen, nur um mich dann von Menschen, die keine Rolle in meinem Leben spielen und auch nie eine gespielt haben, für meinen vielleicht etwas eigenartigen Lebensstil kritisieren zu lassen.

Einfach weggehen, in eine andere Stadt oder ein anderes Land. In ein anderes Leben.

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