Ohne Titel (4)

von nomissimon

Wie jeden Mittwoch steigt Fritz um 9:27 Uhr in den 12er und fährt Richtung Südstadt. Er besucht seine Anneliese auf dem Parkfriedhof. Die Strecke führt an der alten Gieserei und dem Stellwerk der Bahn vorbei. Er kennt die Strecke sehr genau, seit 12 Jahren fährt er sie jeden Mittwoch, egal bei welchem Wetter. Während der Fahrt beobachtet er die vorbeiziehende Landschaft, wenn sich etwas verändert hat, dann bemerkt er das sofort, für sowas hat er ein Auge. Die meiste Zeit während der Fahrt starrt er schweigsam aus dem Fenster, doch wenn sich jemand neben ihn setzt, dann kribbelt es ihm manchmal in den Fingern und er sucht die Unterhaltung. Er spricht dann gerne über die alten Busse, wie man durchgeschüttelt wurde und jedes Schlagloch ein Ruckeln verursachte, das Busfahren damals noch den Hauch eines Abenteuers hatte. Aber auch er merkt unweigerlich, wenn jemand nicht mit ihm sprechen, sich nicht die Busgeschichten eines alten senilen Mannes anhören will. Dann lässt Fritz es meist bleiben, auch wenn diese Gespräche die einzige Unterhaltung sind, die er noch führt, seit seine Anneliese vor 12 Jahren viel zu früh starb. Er hat niemanden mehr, selbst die Nachbarn haben nicht mehr als ein Schulterzucken für ihn übrig. Ein einsamer Mann, der sich nichts sehnlicher wünscht als jemanden, der ihm zuhört. Manchmal spricht er dann mit Anneliese, erzählt ihr was sich in ihrem Viertel alles verändert hat und wie es ihm ergeht. Dabei verschweigt er ihr, wie allein er jetzt ist. Sie soll ihn nicht weinen sehen.

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