1867

von nomissimon

Als mir eine Freundin zum 28. Geburtstag einige großformatige Briefumschläge in die Hand drückte und mir einen Geburtstagsgruß ihrer Eltern überbrachte, ahnte ich noch nicht, dass sich mein Leben ab diesem Tag schlagartig ändern sollte. Ich hatte ihre aus der Türkei stammenden Eltern bisher noch nicht kennengelernt, geschweige denn sie überhaupt zuvor schonmal gesehen, deswegen muss ich die Freundin wohl sehr ungläubig und auf Erklärung hoffend angesehen haben. Noch bevor ich die Umschläge öffnen konnte, erzählte mir die Freundin, dass ihre Eltern, als sie ihnen erzählte, dass ich mein Geschichtsstudium einen Monat zuvor mit Bestnote abgeschlossen hatte, darauf bestanden hätten, dass ich die in den Umschlägen befindlichen Dokumente unbedingt an mich nehmen und mir anschauen müsse. In den Umschlägen befanden sich eine Vielzahl von Dokumenten, Stammbäumen und Berichten über ein Bergwerkunglück auf einer im Südatlantik gelegenen Insel im Jahr 1867, sowie eine handschriftliche Anmerkung der Eltern der Freundin, dass sie diese Dokumente in meinen Händen für gut aufgehoben hielten.

An diesem Abend legte ich die Umschläge zur Seite und genoss eine angenehme Geburtstagsfeier im Kreise meiner Freunde. Einige Tage später bekam ich die Umschläge wieder in meine Hände und überflog die Dokumente. Bereits während ich die Dokumente las, überkam mich das komische Gefühl, noch nie von einem Unglück solchen Ausmaßes gelesen zu haben und das, obwohl ich mich für recht bewandert hielt in dieser Zeitepoche.  In der Universitätsbibliothek wollte ich Klarheit schaffen, blätterte durch dutzende Bücher, suchte nach Artikel, Quellen oder wenigstens nach einem winzigsten Beweis, dass mir die Echtheit meiner Dokumente zusicherte, doch finden konnte ich nichts. Aber aufgeben wollte ich nicht und so forschte ich weiter, nahm Kontakt zu den Eltern der Freundin auf, fuhr in weit entfernte Städte um andere Quellen zu suchen, sprach mit weiteren türkischen Einwanderern, zu denen ich Kontakt aufnehmen konnte, lernte die türkische Sprache und verlagerte schließlich meine Suche sogar für ein halbes Jahr nach Istanbul.

Mein 28. Geburtstag ist nun 20 Jahre her. Vor knapp 15 Jahren erschien ein von mir geschriebener Artikel erst in einer Fachzeitschrift für Geschichte, später als Leitartikel in einem bundesweit angesehenen Wochenmagazin. Ein halbes Jahr später löste mein Buch 1867 einen handfesten Skandal in der Türkei aus.

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