Euch die Macht, mir die Nacht

von nomissimon

„Verreckt alle“ schreibe ich mit roter Lackfarbe an die Fassade des Einkaufszentrums. Wie zuvor bei der Bank, schreibe ich extra groß und schnörkelig. Das ist mein kleiner Widerstand, mein kleines Aufbegehren. Meine 1-Mann-Revolution, die bisher nur in meinem Kopf stattgefunden hat. Sie und der Wunsch, dass alle verrecken, ist alles, was ich noch habe. Viel zu lange habe ich diesen Wunsch verdrängt. Hab ihn viel zu lange unterdrückt. Bin wie ein Untoter durch mein Leben getorkelt, hatte keine Freunde, keine Ziele und sah keinen Sinn mehr. Statt zu leben, habe ich nur überlebt. Aufstehen, überleben, einschlafen. Aufstehen, überleben, einschlafen. Tag für Tag.

Das Klirren der Schaufensterscheibe durchzieht die nächtlichen Straßen. Ich renne in eine Seitenstraße, laufe zwei Minuten. Dann bleibe ich kurz stehen, schnaube wie wild und gehe weiter. Bisher haben sie mich nicht erwischt. Und mit jeder Nacht, in der das so bleibt, werde ich mutiger, traue mich mehr. Die Spirale dreht sich, unaufhörlich. Gewalt gegen Sachen ist die beste Therapie. Ich zerstöre, randaliere, um zu fühlen, dass ich noch lebe. Wenn das Adrenalin durch die Adern pumpt, das Blut rauscht und ich keuchend durch die Straßen renne, dann merke ich, dass in mir eine Flamme lodert. Eine Flamme, die die Welt anzünden will.

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