Schöne Welt – Scheiß Menschen

von nomissimon

Manchmal, wenn es mich nach Abwechslung sehnt, biege ich mit meinem Rad von meinem gewohnten Weg ab und fahre eine Strecke, die zwar um einiges länger, aber auch um ein vielfaches schöner ist. Der Weg führt vorbei an einem kleinen Wäldchen, an Feldern und Weiden, einer alten Bahnstrecke und einem verlassenen Bauernhof. Kurz vor diesem Bauernhof steht ein Verkehrsschild am Straßenrand, auf das jemand mit schwarzem Edding „Schöne Welt – Scheiß Menschen“ gekritzelt hat. Ich lese diesen Spruch jedes Mal und jedes Mal rauscht er durch meinen Kopf und überfällt meine anderen Gedanken. Meistens bleibt es bei einigen kurzen Gedanken, bevor mich glücklicherweise ein anderer Sinneseindruck ablenken kann. Passiert das jedoch nicht, dann kommt es vor, dass mich dieser Gedanke vollends einnimmt, mich festhält, drangsaliert und es dann anfängt in mir zu brodeln und zu kochen. Häufig bleibt mir dann nichts anderes übrig, als abzubremsen, vom Rad abzusteigen und mich und mein Rad in den Graben neben den Radweg zu werfen. Und dann liege ich im hohen Gras, weine, schluchze und jammer und brauche eine ganze Weile bis ich mich wieder gefangen habe und weiterfahren kann. Warum das passiert kann ich nicht genau sagen. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, habe Nächte wach gelegen und in meinem Kopf lief die Kritzelei, diese Situation am Wegesrand und mein Leben im Allgemeinen immer und immer wieder ab. Viele brauchbare Ergebnisse sind nicht dabei herausgekommen. Das einzige, was ich mit Entschiedenheit sagen kann, ist, dass dieser Spruch, so simpel er auch sein mag, an einen Punkt meines Wesen gelangt, der zugleich Hass, Verzweifelung und Abscheu aber auch tiefste Liebe und Zuneigung beheimatet. Vielleicht ist es sogar der Kern meines Wesens, der mir bislang verborgen blieb. Vielleicht ist es aber auch was ganz anderes.

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