Thomas und Rolf: Fassade

von nomissimon

Auf der Landstraße dröhnen die LKWs an Thomas vorbei. Er radelt mit seinem Mountainbike auf dem Radweg rechts neben der Straße. Sobald die Landstraße den Wald erreicht, zählt Thomas die Leitpfosten und hält am fünften Pfosten an. Er steigt ab, nimmt sein Rad in die Hand und hebt es über den kleinen Graben in das Waldstück hinein. Nach knapp 200 Metern holpriger Querfeldein-Fahrt durch den Wald, erreicht er einen alten Trampelpfad, dem er nun folgt. An einer Lichtung angekommen, sieht Thomas die alte Fabrikhallen der Textilfabrik. Die Fabrik wurde bereits stillgelegt als er noch ein kleiner Junge war und altert jetzt vor sich hin. Er fährt durch ein großes Loch im Zaun und biegt auf den Hof der Fabrik. Von weitem erkennt er Rolfs rote Jacke am anderen Ende Hofs. Rolf lehnt an einem Geländer, ungefähr vier Meter vor ihm steht eine rostige Tonne. In seiner linken Hand hält Rolf einige Kieselsteine, die er einzeln in Richtung Tonne wirft. Thomas stellt sein Fahrrad neben das von Rolf, geht dann zu ihm und lehnt sich neben ihn an das Geländer. Auf eine Begrüßung verzichten sie wie alle anderen Male zuvor.

Einige Zeit schaut Thomas Rolf dabei zu, wie er mit den kleinen Steinchen in Richtung Tonne wirft. Er trifft selten.

„Weißt du, damals in der Uni, wenn wir uns in einigen Seminaren vorstellen mussten, dann hat jeder nur oberflächliche Dinge von sich erzählt. Wie man heißt, woher man kommt, was man so studiert und in welchem Semester man ist. Das übliche halt. Aber in mir brannte es immer einfach mal etwas anderes zu sagen, etwas, womit keiner der Anwesenden gerechnet hätte, weil es so unerwartet passiert wäre. Statt „Hallo, ich bin Thomas, 23 Jahre alt, studiere im soundsovielten Semester und komme aus einem kleinen Dorf von weiter weg“ hätte ich viel lieber mal so Sachen gesagt wie „Hallo, ich bin Thomas und ich bin ein kleiner, trauriger Junge, der sich manchmal nichts sehnlicher wünscht als eine Umarmung und der gerne ein oder zwei nette Leute hier kennenlernen würde, damit er nicht sein ganzes Studium allein verbringen muss, weil er aus lauter Angst und Schüchternheit niemals auch nur daran denken würde, jemanden von sich aus anzusprechen“. Aber dafür fehlte mir stets die Courage und die Entschlossenheit. Und ich hatte Angst, auch wenn ich das manchmal vor mir selbst nicht wahr haben wollte, aber sie war immer da. Angst vor Ablehnung. Angst vor Menschen allgemein. Die mich schon gefühlt mein ganzes Leben begleitet. Deshalb hab ich es nie gesagt und mich stets an den Standardtext gehalten, den da alle aufsagen. Dabei hatte ich immer so Lust auszubrechen und die Grenzen auszukundschaften. Aber getan hab ich es nie“, sagte Thomas und danach war erstmal Stille. Rolf hatte irgendwann aufgehört mit den Steinchen zu werfen und blickte nun starr geradeaus auf die grün-braune Wiese vor ihnen.

Nach einigen Momenten Stille, ergänzte Thomas: „Es ist alles nur Fassade. Die Menschen, diese Gesellschaft. Alles Fassade, die bloß niemals brökeln darf. Aber wozu das ganze? Warum nicht mal auf alles pfeifen, die Konventionen hinter sich lassen und völlig fremden Menschen Einblick gewähren. Weil man damit zuviel riskiert. Man riskiert auf die Schnauze zu fliegen und mit runtergelassener Hose vor allen zu stehen. Dabei wäre es so einfach. Es einfach mal machen, ohne Rücksicht auf Verluste.“

Wieder Stille. Rolf antwortete nicht. Rolf antwortete selten. Er sprach nur selten, aber wenn, dann gut überlegt und häufig mit einem Hauch Zynismus unterlegt. Thomas verglich seine Art gerne mit der des Esels Benjamin in Orwells ‚Farm der Tiere‘. Rolf hatte sich über diesen Vergleich nie beklagt, weshalb Thomas davon ausging, dass er ihm nicht unbedingt missfiel.

Mittlerweile hatte Rolf wieder angefangen die kleinen Kiessteine auf die Tonne zu werfen und traf nun deutlich öfter. Thomas schaute ihm noch eine Weile dabei zu, trank einen Schluck Wasser aus seiner Fahrradflasche und machte sich irgendwann mit den Worten „Alles nur Fassade. Alles. Aber irgendwann bricht es zusammen. Erst bröckeln nur kleine Stücke, dann bricht alles zusammen. Auch wenn ich es nicht glaube, aber hoffen tu ich es. Bis nächsten Dienstag“ auf den Weg.

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