Ohne Titel (16)

von nomissimon

Ich liege in einem Zelt in einem Waldstück nahe der holländischen Grenze. An der olivfarbene Zeltdecke hat sich über Nacht ein dünner Kondenswasserfilm gebildet und bin erstaunt, dass mein Discounter-Zelt den Sturm der letzten Nacht überstanden hat. Meine Hände habe ich gefalten unter meinem Kopf gelegt und döse so vor mich hin, während in meinem Kopf einige Gedankenfetzen und Erlebnisse der letzten Tagen immer mal aufblitzen und irgendwann wieder verglühen. Ich fühle mich auf eine seltsame Art glücklich und frei, gleichzeitig aber auch leer.

Aus meinem linken Auge läuft eine Träne. Während ich verfolge, wie sie über meine Wange rutscht, überkommt mich das Gefühl heulen zu müssen. Einige Zeit vergeht, in der ich weine und schluchze, heule, jammer und flenn, bis irgendwann meine Augen schmerzen und ich mir sicher bin, jegliche Tränenflüssigkeit aus mir heraus gedrückt zu haben. Ich verzichte darauf mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, weil es hier draussen sowieso egal zu sein scheint und krabbel stattdessen aus meinem Zelt. Draussen nehme ich einen tiefen Atemzug und blicke herauf in die Baumkronen und den grauen Himmel. „Fast ein kleines Wunder, dass heute Nacht kein großer Ast auf mich gefallen ist“, denke ich mir, obwohl mir das auch egal gewesen wäre.

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