Als Paul einmal fast gesprungen wäre

von nomissimon

Der 23. Mai ist ein sonniger Tag. Es ist ein Dienstag und noch recht früh, als Paul durch den kleinen verschlafenen Ort nahe der französischen Grenze radelt. Der Duft von frisch gebackenen Brötchen liegt in den Straßen und außer einigen Vögeln und dem Klappern von Pauls Rad ist nichts zu hören. Pauls Ziel ist die alte Fußgängerbrücke über die Schlucht, außerhalb der Stadt. Er möchte sich dort hinunterstürzen und so seinem Leben ein Ende bereiten. Denn mittlerweile ist ihm aller Spaß vergangen und jeder Tag nur noch eine Qual. Er hat einfach keine Lust mehr. Gesagt hat er es niemandem und auch einen Abschiedsbrief hat er nicht geschrieben. Trotzdem hat er es nicht eilig, er tritt behutsam in die Pedale und schaut sich ein letztes Mal das kleine Städtchen an. Besonders angefreundet hat er sich mit diesem Ort nicht und auch wenn er seit seiner Ankunft vor einigen Monaten noch niemanden kennengelernt hat, so überkommt ihn stets das Gefühl, dass ihn alle beobachten, jeden Schritt verfolgen und ihn als Fremdkörper in diesem Ort ansehen.

An der Brücke angekommen, stellt er sein Fahrrad unverschlossen an einen Baum, läuft bis zur Mitte der Brücke und klettert über das Geländer. Jetzt steht er da, umklammert mit beiden Armen das Geländer hinter ihm und schaut vor sich in die 50 Meter tiefe Schlucht. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat er genau in diesem Moment A Hard Day’s Night von den Beatles im Kopf. Wie unpassend, denkt er sich. Und auch sonst ist nichts so, wie er sich das vorgestellt hatte. In seinen Vorstellungen wehte ihm ein leichter Wind in sein Gesicht, er nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase und lies sich dann, völlig sorgenfrei, in die Schlucht fallen. Aber nichts davon geschieht, denn seine Nase ist von einem Schnupfen verstopft und ein lauer Wind weht auch nicht. Von Ausgeglichenheit, Freiheit und Losgelöstheit spürt Paul in diesem Moment nichts. Es ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt, beschließt er, klettert zurück hinter das Geländer und läuft die Brücke entlang zu seinem Fahrrad. An seinem Fahrrad angekommen, fühlt er ein seltsames Gefühl von Zufriedenheit, das er so schon lange nicht mehr gefühlt hat. Er steigt auf sein Fahrrad und möchte losfahren, als eine dicke Hummel an seinem Gesicht vorbeifliegt. Er verfolgt ihre Flugbahn mit seinem Blick und wie das Summen immer leiser wird. Es geht ihm gut. An diesem 23. Mai 1972 ist Paul nicht gesprungen. Bis heute ist er nicht gesprungen. Entweder hatte sein Rad einen Platten, er einen Schnupfen oder das Wetter entsprach nicht seinen Vorstellungen. Bereut hat er diesen Tag nie.

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