Ohne Titel (25)

von nomissimon

Als ich mich vorgestern Abend in mein Bett gelegt hatte, konnte ich sehr lange Zeit nicht einschlafen. Meine Gedanken kreisten vor sich hin und ich war furchtbar nervös, denn am nächsten Tag hatte ich meine fünfte Verabredung mit Marie. Wir wollten uns am Bahnhof treffen und dann die Einkaufsstraße hinunterbummeln mit einem kleinen Abstecher auf den Weihnachtsmarkt, der sich zwar seit Jahren bis ins kleinste Detail überhaupt nicht verändert hatte, aber irgendwie trotzdem geeignet war für unser Treffen, zumindest für ein Tasse Glühwein. Und naja, es war immerhin schon unser fünftes Treffen, die vorherigen liefen stets erfreulich, wir hatten uns viel zu erzählen und waren uns, wenn ich das richtig eingeschätzt habe, auf Anhieb sympathisch. Sie war eine nette, aufgeweckte, junge Frau mit einem wunderschönen Lächeln. Gut für mich also, da ich sie mit allerhand Scherzen und lustigen Anekdoten stets zum Lachen bringen konnte. Eigentlich, so sollte man meinen, eine gute Voraussetzung für eine ernstere Beziehung, auf die ich, so hatte ich es mir eigentlich gedacht, auch aus war. Aber mittlerweile hatte ich Zweifel bekommen und konnte bedauerlicherweise noch nicht einmal genau sagen woher diese eigentlich kamen. An ihr lag es jedensfalls nicht, das war mir klar. Also grübelte ich stundenlang, wieso ich auf einmal voller Zweifel war. So lag ich also in meinem Bett und haderte mit mir selbst. Überlegte hin und her, rollte alles noch einmal auf, ließ alle Treffen mit Marie nochmal vor meinem inneren Auge abspulen und suchte nach Hinweisen. Als ich gestern Morgen verschwitzt in meinem Bett aufwachte, wusste ich immer noch keine Lösung. Das Treffen absagen wollte und konnte ich ganz gewiss nicht, aber wohl bei der ganzen Sache war mir ebenso wenig. Aller Zweifel zum Trotz verließ ich kurz nach 15 Uhr meine Wohnung und machte mich auf den Weg zum Bahnhof. Maries Zug hatte einigen Minuten Verspätung, die uns aber nicht weiter störten, sondern im Gegenteil sogar Gesprächsstoff für die nächste halbe Stunde lieferten. Insgesamt war die Verabredung wieder einmal wunderbar. Ich genoß die Zeit mit ihr, hörte aufmerksam jedem ihrer Worte zu und musste keine Sekunde lang an die komplizierten Gedankengänge der vorherigen Nacht denken. Bis zu dem Moment, an dem wir uns verabschieden wollten. Ich hatte sie noch zu ihrem Bahnsteig begleitet um gemeinsam mit ihr auf ihren Zug zu warten. Wir standen uns gegenüber und ich bemerkte gleich, dass sie etwas vorhatte. Naja, zumindest meinte ich so etwas in der Art zu verspüren und im Nachhinein betrachtet, hatte ich sogar recht. Zuerst bat sie mich sie so schnell wie möglich wieder zu treffen und nachdem ich dies ohne weitere Hintergedanken bejaht hatte, folgte ein kurzes Lächeln ihrerseits und wir küssten uns. Nein falsch, sie küsste mich. Ich weiß immer noch nicht genau was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, das einzige, was ich weiß, ist, dass ich den Kuss nach einigen Sekunden abrupt beendete, mit aufgeregter Stimme „Ich kann das nicht“ sagte, mich umdrehte und sie allein auf dem Bahnsteig zurückließ.

Die Nacht von gestern auf heute lag ich bis 6 Uhr wach in meinem Bett, starrte in das Dunkel meines Zimmers und fühlte eine große Leere in mir. Ich wusste weder warum ich Marie so zurückweisen, noch wie das überhaupt alles passieren konnte. Erst rechte wusste ich überhaupt nicht wer ich eigentlich bin. Meine Gedanken und Gefühle verschwammen an diesem Abend und in dieser Nacht zu einem klumpigen Haufen, zu dessen Entzerrung ich in keinster Weise im Stande war. Das einzige, was ich in dieser Nacht fühlte, war die entsetzliche Leere in mir, gepaart mit einem großen Batzen Schuldgefühlen und Selbstzweifeln.

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