230 km/h

von nomissimon

Mit voller Kraft trete ich das Gaspedal runter. Der Wagen schnurt leise und beschleunigt umgehend. Es ist eines dieser neueren Modelle, bei denen man die Geschwindigkeit nur noch am Tacho erkennen kann und nicht mehr am Geräusch des Motoren. Die Tachonadel nähert sich langsam der 200er Marke und allmählich beginnt meine Umwelt zu verschwimmen. Ich bemerke das Adrenalin, das durch meinen Körper schießt. Es ist dunkel und regnerisch. Eigentlich keine guten Bedinungen für eine Fahrt mit dieser Geschwindigkeit, aber das macht mir nicht mehr viel aus. Die Scheibenwischer zucken hastig hin und her, Stufe 5, maximale Geschwindigkeit. Das Radio hab ich abgestellt, es würde mich jetzt eh nur stören. Ich möchte diesen Moment nur mit mir verbringen und dem Auto unter mir, das auf jeden meiner Befehle gehorcht. Ich genieße die Macht, die ich auf das Auto ausübe, auch wenn es nur eine Maschine ist, ist es doch ein unbeschreibliches Gefühl, so mächtig und erhaben. Mittlerweile bin ich bei 230 km/h angekommen. Nur der Regen, das Auto und ich, einsam in der Nacht. Meine Hände würden zittern, hätte ich sie nicht mit voller Kraft an das Lenkrad gekrallt. Endlich war der Moment gekommen, von dem ich schon so lange geträumt hatte. Endlich. Und alles war perfekt, alles war genau so, wie ich es mir immer ausgemalt hatte. Meine Wohnung hatte ich bereits gegen Mittag verlassen. Meine letzten Möbel und sonstigen Gegenstände hatte ich mit Benzin übergossen und mit einer brennenden Kerze zurückgelassen. In einigen Stunden würden sich meine letzten Habseligkeiten innerhalb von Sekunden in ein loderndes Flammenmeer verwandeln. Ich mag die Vorstellung mit einem großen Knall abzutreten. So sehr, wie ich zu Lebzeiten missachtet wurde, so werde ich wenigstens im Tod meine Anerkennung finden. Mein Herz pocht, kleine Schweißtropfen bedecken meine Stirn. Ich sehe ein Paar Scheinwerfer, die mir entgegenkommen. Kurz bevor ich sie erreiche, schalte ich meine Scheinwerfer an. Endlich.

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