Ohne Titel (26)

von nomissimon

Hinweis: Der folgende Text ist rein fiktional!

Der Text befasst sich mit dem Thema Amoklauf. Die Darstellungen können auf einige Leserinnen und Leser abschreckend wirken. Auch die teilweise sehr schonungslosen und drastischen Beschreibungen der Ereignisse im Text ist nicht für jeden Menschen nachvollziehbar und wirkt mitunter abstoßend. Trotzdem wurde diese Art der Darstellung gewählt, da sie zum einen den Text in den Augen des Autors authentischer macht und zum anderen dem Leser eine emotionale und intellektuelle Auseinandersetzung mit dem dargestellten Sachverhalt abverlangt.
Der Text ist in der Ich-Form verfasst und erzählt die Ereignisse aus der absurden Sicht des Täters. Der Autor und der Erzähler sind in keinem Fall gleichzusetzen!

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Ich wusste lange nicht mehr wo mir der Kopf stand. Meine Gefühle waren abgestumpft, meine Hoffnung, die mich vor Jahren als Kind noch angetrieben hat die Welt entdecken zu wollen, war schon lange verloren. Ich vegetierte vor mich hin, in meiner eigenen Welt, gefangen in einem Sumpf aus Hass, Wut und Resignation. Woher kommt all die Wut in mir, das fragte ich mich jeden Abend, wenn ich versuchte zur Ruhe zu kommen. Wenn ich mit meinem Kissen alleine war, dann sprangen die Gedanken auf und ab, jagten kreuz und quer durch meinen Kopf und hielten mich für so lange Zeit vom Schlafen ab. Jede Nacht zwang ich mich in den Schlaf, weil ich immer noch geglaubt hatte, so zumindest für eine kurze Zeit dieser Welt entfliehen zu können. Doch auch in der Nacht verfolgte mich diese irrsinnige Welt. Fast keine Nacht verging, ohne dass ich nicht verstört aus dem Schlaf aufschreckte, schweißgebadet und mit einem galoppierenden Herzschlag. Geweckt von meinem eigenen Schreien, mit Tränen im Gesicht und meinem Bettzeug verteilt im Raum, als hätte ich einen Kampf ausgetragen. Einen Kampf zwischen mir und dieser Welt.

Ich bin ein kranker Mensch in einer kranken Welt. Doch damit sollte heute endlich Schluss sein. All die blinde Wut und der Hass, die sich jahrelang in mir aufgestaut haben, haben heute ihren glorreichen Abschluss gefunden, ihr grandioses Finale, der ganz große Knall, mit dem ich endlich und so lang ersehnt aus dieser Welt aussteigen kann. Monatelang habe ich mich auf diesen Tag vorbereitet, habe Pläne geschmiedet und mir mein Werkzeug besorgt. Noch nie in meinem Leben konnte ich mich für eine Sache so sehr begeistern, die Aussicht auf Zerstörung und Leid gaben mir Antrieb. Je näher der heutige Tag rückte, desto aufgeregter wurde ich. Denn mit jedem Tag wurden die Planungen ausgereifter und nahmen schließlich ihre endgültige Form an. Keine Sekunde verschwendete ich an Zweifel, keinen Gedanken an meine Opfer und das Chaos, das ich hinterlassen werde. Die Zeit der Rücksichtnahme und des Zurücktretens war heute endlich vorbei, dieser Tag gehört nur mir und niemandem sonst.

Den gestrigen Tag verschlief ich fast komplett. Ich hatte mir in der Apotheke die stärksten Schlafmittel besorgt, die ich bekommen konnte, weil ich ansonsten vor Aufregung nicht hätte schlafen können. Die Erholung hatte ich aber dringend nötig, denn mein Finale begann bereits um 1:34 Uhr in dieser Nacht. Ich bestieg meinen gemieteten Transporter und fuhr einige Kilometer in die Nachbarstadt. Dort stand die größte und beeindruckendste Kirche der Region, ein Monument christlichen Glaubens. Die Tür zur Sakristei brach ich in Windeseile auf und verlud die Benzinkanister aus meinem Wagen in den Innenraum des Gotteshauses. Durch die kunstvoll bemalten Kirchenfenster schien das Mondlicht in das Innere der Kirche und zauberte ein beeindruckendes Farbspiel auf die vorderen Kirchenbänke. Genau dort fing ich an die Benzinkanister zu leeren. Aufwändig und mit großer Sorgfalt versprühte ich das Benzin auf den Bänken und im Altarraum. Der betörende Geruch des Benzins schlich sich in meine Nase und erheiterte mich. Die Flammensaat war ausgesät worden, es fehlte nur noch der letzte Funken, der dieses Haus, diesen Hort der Ekelhaftigkeiten, seiner Bestimmung zuführte. Ein letztes Mal schritt ich durch die Gänge, ließ meinen Blick schweifen und spürte wie die Aufregung durch meinen Körper kroch. Als ich die Streichhölzer aus meiner Hosentasche nahm, verspürte ich zum ersten mal seit so langer Zeit wieder so etwas wie Fröhlichkeit in mir. Meine Hände zitterten, nicht aber vor Angst, sondern vor freudiger Aufregung. Es war ein wunderschöner Moment, als das Köpfchen des Streichholzes über die Reibungsfläche der Verpackung schnellte, und sich entzündete. Ich hielt das Streichholz kurz vor mein Gesicht, wartete einen Augenblick bis sich die Flamme beruhigt hatte und ließ das Streichholz dann zu Boden fallen. Die Flammen breiteten sich rasch aus. Es dauerte nur einige Sekundenbruchteile und das gesamte Kirchenschiff war in ein loderndes Flammenmeer getaucht. Den Anblick genoss ich einen kurzen Augenblick, doch die Hitzeentwicklung war so enorm, dass ich mich umdrehen und die Szenerie verlassen musste. Ich stieg in mein Auto und fuhr davon, ein letzter Blick in den Rückspiegel und ich sah, dass die Flammen bereits auf den Dachstuhl der Kirche übergesprungen waren. Ein traumhafter Anblick.

Der erste Teil meines Finales war erfolgreich abgeschlossen. Zufrieden saß ich in meiner ehemaligen Küche und starrte die Wand an. Neben mir auf dem Fußboden eine Tasse kalter Früchtetee. Meine Wohnung lag bereits in Trümmern. Ich hatte sämtliche noch verbliebenen Möbel zerschlagen und an ihrem Platz liegen lassen. Auch die Tapeten und den Putz riss ich teilweise von den Wänden. Meine Wohnung glich einer Abrissbude, überall verteilte sich Schutt und die Luft war mit aufgewirbeltem Staub durchsetzt. Mir gefiel das gut. Schweigend genoss ich auf dem Boden sitzend die Ruhe bis zum Sonnenaufgang. Irgendwann wurde ich vom Lärm der Schulkinder draußen auf der Straße aus meinen Tagträumen gerissen. Es musste kurz nach 8 Uhr gewesen sein und damit die richtige Uhrzeit um meinen Plan weiter in die Tat umzusetzen. Ich nahm die 6 weißen Tabletten, die ich neben mir auf den Boden gelegt hatte, in den Mund und schluckte sie ohne Wasser meine Kehle runter. Meine Materialien hatte ich bereits nach meiner Ankunft in der Nacht in meinen Wagen verladen, so dass ich direkt starten konnte. Ich zog die Kapuze meines schwarzen Sweatshirts über den Kopf und ging zu meinem Auto. Der leichte Rußgeruch an meiner Kleidung kitzelte noch in meiner Nase. Als ich das Auto bestieg und den Schlüssel in der Zündung umdrehte, spielte auf einmal das Radio. Der Radiomoderator verlas gerade die Nachrichten und sprach von dem Kirchenbrand in der letzten Nacht. Ich hielt einen Moment inne und hörte seinen Ausführungen zu. Die Kirche wurde komplett zerstört, die Feuerwehr konnte nichts dagegen unternehmen, sagte er in gewohnt monotoner Nachrichtenstimmlage, die Polizei gehe von Brandstiftung aus. Eine Gänsehaut fuhr durch meinen Körper. Das Glücksgefühl der letzten Nacht, als ich das Streichholz entzündete, war wieder da, so unglaublich stark und alles überragend. Ich sah mich im Innenspiegel meines Autos an und entdeckte ein zartes Lächeln in meinem Gesicht. Ein seltsames Gefühl mich nach so langer Zeit wieder lächelnd zu sehen. Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte wieder zu Sinnen zu kommen. Ich hatte einen Plan, an den ich mich halten musste. Es war keine Zeit für unangebrachte Gefühlsausbrüche. Ich schaltete das Radio aus, fixierte meinen Blick auf die Straße und fuhr los in Richtung Universität.

Dort angekommen parkte ich mein Auto auf einem Parkplatz in der Nähe des Campus‘. Aus dem Laderaum nahm ich meinen Rucksack und den vorbereiteten Seesack. Ich sah aus wie einer dieser typischen Studenten, ohne Aufsehen zu erwecken ging ich in Richtung des Hörsaalzentrums. Die Vorlesungen liefen bereits und auf den Gängen war wenig los. Ich schloss mich auf der Herrentoilette in eine der kleinen Kabinen und bereitete mich vor. Meine Materialien verteilte ich passend an meinem Körper, meine Sturmhaube zog ich halb über den Kopf, damit sie aussah wie eine gewöhnliche Wintermütze. Den Seesack stopfte ich hinter den Spülkasten der Toilette, er hatte seine Pflicht getan und ich brauchte ihn nicht mehr. Jetzt war ich komplett vorbereitet und fertig für den zweiten Teil meines Plans. Noch einmal atmete ich tief durch, dann nahm ich die Metallkette mit dem Vorhängeschloss in die linke und mein Schrotgewehr in die rechte Hand. Mit bedächtigen Schritten näherte ich mich dem Vorlesungssaal. Ich hatte absichtlich einen kleineren Saal ausgesucht, da ich mir in diesem bessere Erfolgsaussichten machte. Eine der beiden Türen verriegelte ich von außen mit der Metallkette und dem Vorhängeschloss, durch die andere Tür betrat ich den Saal. Die Stimme der Dozentin war laut und eingängig. Selbst ich, der hinter der letzten Reihe, noch versteckt hinter einer Säule stand, konnte sie klar und deutlich verstehen. Jetzt war der Moment gekommen, ich zog mir meine Sturmhaube ins Gesicht und betrat mit einem großen Schritt den Saal. Noch bevor mich jemand entdeckte, schoss ich dem Mädchen, das in der letzten Reihe auf dem äußersten Platz saß, mit meiner nun gezogenen Pistole in den Kopf. Der Schuss war ohrenbetäubend laut und ihre leblose Körperhülle sackte in Sekundenbruchteilen in sich zusammen. Noch bevor irgendeine Person im Saal reagieren konnte, hatten die beiden Personen, die auf den Treppenstufen vor mir saßen, meine Schrotkugeln im Gesicht. Ihre Schädel platzen wie Luftballons und ein Schwall aus Blut und Gehirnstücken spritzte mit voller Wucht an die Wand neben ihnen. Dann brach Panik aus. Der Raum war erfüllt von lauten Schreien, die Menschen stürzten in Richtung der verriegelten Ausgangstür oder versuchten sich panisch in den Sitzbänken zu verstecken. Ich schoss wie im Rausch um mich. Eine Person nach der anderen sackte angeschossen zu Boden, der Raum war gut gefüllt und fast jede meiner Kugeln fand ihr Ziel. Mittlerweile setzte die Wirkung der Tabletten ein und ich erlebte diesen Moment wie in Zeitlupe. Die Hilferufe und Schreie klangen dumpf und auch der Lärm meiner Patronenhülsen, die so kunstvoll aus der Pistole glitten, machte mir nicht mehr viel aus. Mit einem Grinsen im Gesicht schoss ich Kugel um Kugel in die Menge. Blut in einer so wunderbar großen Menge ergoss sich auf dem Linoleumboden. Langsam schritt ich die Stufen hinab, um mich herum lagen verletzte und getötete Menschen, keiner konnte meinen Kugeln entfliehen. Je länger ich um mich schoss, desto stiller wurde es. Ich ging dazu über, auf die leblosen Körper am Boden zu schießen, manchmal drei oder vier Kugeln. Munition hatte ich genug und im Nachladen war ich mittlerweile ziemlich gut, sodass es kein Problem mehr für mich darstellte. Keine 5 Minuten hatte der zweite Teil meines Finales schließlich gedauert, einzig für mich hatte ich noch keinen Platz gefunden. Von außerhalb des Saales hörte ich Schreie und wildes Getrampel. Meine Tat war nicht unbemerkt geblieben. Nun war es für mich an der Zeit mich vorzubereiten für den vielleicht schwierigsten Teil meines Plans. Unter großen Anstrengungen kletterte ich zwischen dem Gemisch aus toten Körpern, blutigen Rucksäcken und Schreibutensilien, die auf dem Boden lagen, in eine Sitzreihe und suchte mir einen geeigneten Platz. Meine Sturmhaube und den schwarzen Kapuzenpullover stopfte ich in meinen Rucksack, verschloss diesen und warf ihn 3 Reihen weiter. Dann nahm ich meine Pistole, schoss eine Kugel in meinen linken Oberschenkel und sackte zu Boden. Dort lag ich nun im Blut dieser abartigen Menschen und wartete auf das Eintreffen der Polizei.
Wie lang es dauerte bis die ersten Einheiten der Polizei eintrafen, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass sich mein weißes T-Shirt mittlerweile vollständig mit Blut vollgesogen hatte. Schmerzen in meinem Bein hatte ich dank der Tabletten so gut wie keine, aber als endlich eine der Rettungspersonen, von denen mindestens 25 den Ort bereits erreicht hatten, nach mir griff um zu überprüfen ob ich noch lebte, stieß ich einen kurzen aber lauten Schrei aus. Sofort eilten einige Personen in meine Richtung, ich war der erste Überlebende, den sie finden konnten. Statt großer Fragen verfrachtete man mich ziemlich rasch auf eine dieser Tragen und trug mich aus dem Vorlesungssaal. Ein letztes Mal konnte ich den Anblick des in Blut getränkten Saales genießen. Als ich rausgetragen wurde, konnte ich das riesige Polizei- und Rettungswagenaufgebot sehen, dass sich dort versammelt hatte. Nur mit Mühe konnte ich mein Lachen unterdrücken.

Als meine Trage in den Rettungswagen geschoben wurde, war mir klar, dass nun der dritte und letzte Teil meines Plans begonnen hatte. Der Rettungswagen fuhr los, im Laderaum waren außer mir noch ein Notarzt und ein Sanitäter anwesend. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und beobachtete beide bei ihrer Arbeit. Der Arzt hantierte an meinem Bein herum, während der Sanitäter an einem der Schränke beschäftigt war. Ich zog mit meiner rechten Hand das Messer, dass ich an meinem Hosenbund versteckt getragen hatte und rammte es dem Notarzt mit voller Wucht in den Hals. Aus seinem Hals schoss das Blut, das er versuchte mit einer Hand zurückzuhalten. Röchelnd sank er zu Boden. Währenddessen stand ich auf und stieß dem Sanitäter, der sich bereits umgedreht hatte, das Messer in den Bauch. Er schaute mich mit offenen und leeren Augen an, während ich das Messer in seiner Bauchhöhle herumdrehte und langsam nach oben zog. Aus seinem Mund strömte Blut als auch er zu Boden fiel. Der Fahrer hatte von den Geschehnissen im hinteren Teil des Wagens nichts mitbekommen. Ich ging durch den Wagen nach vorne, hielt ihm das Messer an den Hals und zwang ihn so den Wagen an den Straßenrand zu fahren. Nachdem er, wie ich ihm angeordnet hatte, den Motor ausgeschaltet und die Handbremse gezogen hat, schlitze ich seine Kehle auf. Blutüberströmt und mit schmerzverzerrtem Gesicht versank er in seinem Sitz während ich über ihn griff und die Fahrertür aufstieß. Mit einem kräftigen Tritt bugsierte ich seinen leblosen Körper aus dem Wagen heraus und nahm den Platz hinter dem Steuer ein. Mit Vollgas und heulendem Martinshorn raste ich durch die Straßen der Innenstadt bis ich die Fußgängerzone erreichte. Die Reifen quietschten als ich mit Schwung in die Fußgängerzone einbog. Das Gaspedal trat ich ganz runter und bretterte so durch die mit einigen Menschen gefüllte Konsumader der Stadt. Viele schafften es rechtzeitig aus dem Weg zu springen, manche traf ich mit meinem neuen Wagen frontal. Einer älteren Frau mit Rollator stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben als ich sie erfasste und ihr Kopf mit voller Wucht gegen meine Windschutzscheibe knallte. Ihr Körper wurde einige Meter nach vorne geschleudert und der Wagen machte zwei kleinere Sprünge als ich über sie hinweg fuhr. In meiner, dem Adrenalin geschuldeten, Aufregung konnte ich nicht mitzählen wie viele Menschen, Laternen und Mülleimer ich auf meiner Fahrt durch die Innenstadt erwischt hatte, aber es dürften einige gewesen sein. Mehrmals musste ich die Scheibenwischer betätigen um das Blut zu verwischen und mir die Sicht wieder zu ermöglichen. Aber irgendwann versagten auch diese ihren Dienst und ich konnte nur noch mit Mühe den Weg erkennen. Bis ich schließlich frontal in eine kleine Bäckerei gerast bin.

Seitdem steht der Wagen hier. Mein Kopf blutet vom Aufprall auf das Lenkrad und der Wagen ist völlig hinüber. Nun ist es an der Zeit für meinen Schlussakt. Zeit für das Sahnehäubchen meines Plans. Die Sprengsätze unter meinem T-Shirt haben den Tag zum Glück gut überstanden. Das kleine grüne Lämpchen signalisiert mir ihre Funktionsbereitschaft. Jetzt endlich ist der Moment gekommen, an dem ich aus dieser leidvollen Welt austreten kann. Der große Knall, den ich mir für meinen Abgang gewünscht hatte, ist wahr geworden. Es war das Allerschönste was jemals passiert ist. Meine Hand, mit der ich den Auslöser fest umklammere, zittert. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so frei gefühlt. So glücklich. Endlich kann ich gehen und alles hinter mir lassen.

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