Sei stark

von nomissimon

oder Die Anonymität im Netz ist wunderbar, nehmt sie uns auf keinen Fall weg

Sei stark. Lass dich nicht kleinkriegen. Niemand darf bemerken wie verletzlich du bist. Sei einfach nur stark.

An jedem Tag schwirren mir diese Gedanken durch den Kopf. An jedem verdammten Tag, wenn ich mein Haus verlasse und mich in diese Welt wage. Wenn ich in die leeren Gesichter meiner Mitmenschen schaue und mir einbilde ihre Missgunst zu spüren.

Wenn du klein beigibst, Schwächen offenbarst oder deine Emotionen zeigst, statt sie wortlos zu schlucken, dann machen sie dich ein. Dann wirst du in der Luft zerrissen und wie ein ausgelutschtes Kaugummi in die nächste Ecke gerotzt. Diese Gesellschaft ist kalt und grau, wer von der Normalität abweicht, wird ausgeschlossen, wer schwach ist, der hat nichts mehr zu melden. Wir unterdrücken unsere Menschlichkeit in so vielen Momenten, dass wir daran krank werden. Der Zynismus und die Gehässigkeit siegen, weil wir uns nicht angreifbar machen wollen. Wir trauen uns nicht mehr zu zeigen, was wir lieben und was wir hassen. Wir wollen uns als aalglatte Wesen, die wohlgefällig durch ihr Leben huschen, ohne anzuecken, ohne zu missfallen. Doch wir sind keine aalglatten Wesen. Um jedoch diese Seite an uns zu offenbaren, benötigen wir geschützte Räume, die uns abschirmen von dem Druck, der in jeder sonstigen Sekunde auf unseren Schultern lastet. Ein Raum, in dem wir uns öffnen können, Schwächen eingestehen und uns Wünsche ausmalen. Und dieser Raum ist das Internet und unser Schutzschild gegen die Außenwelt ist die Anonymität. Erst wenn wir losgelöst sind von dem Ballast, der sich unsere Identität schimpft, können wir frei denken, sprechen und träumen. In einem Raum, in dem wir nur als virtuelles Wesen existieren, ist unser Körper, der uns in der Realität abseits unserer Tastatur physisch und auch psychisch angreifbar macht, völlig ohne Belang. Ohne die Betrachtung von Äußerlichkeiten und Verhaltensweisen besinnen wir uns zurück auf das Merkmal eines Menschen, das wirklich von Bedeutung sein sollte, aber zusehends an Bedeutung verliert in unserem sonstigen Leben, den Charakter. So erleben wir in der Anonymität des Netzes, dass uns Menschen, denen wir noch niemals körperlich begegnet sind, charakterlich so unfassbar nahe stehen können, häufig sogar näher als die Menschen, mit denen wir unsere Zeit außerhalb des Internets verbringen. Wir erfahren, dass es Menschen gibt, die genau die gleichen Sorgen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen haben wie wir selber und das nur, weil wir uns im Schutze der Anonymität trauen diese zu offenbaren. Wir fühlen uns nicht mehr allein mit den schrägen Gedanken, die uns ab und zu in den Sinn kommen, weil wir merken, dass es viele andere gibt, die ähnliches denken. Auch wenn wir vielleicht körperlich einsam sind während wir allein vor dem Bildschirm hocken, so sind wir niemals geistig allein. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass man nicht alleine ist.

Gerade weil diese Anonymität so vielen Menschen so wunderbare Dienste erweist, ist es wert um sie zu kämpfen. Gegen jeden, der sie uns streitig machen will, weil er sich bedroht fühlt in seiner beschränkten Hinterwälderwelt.

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