Ohne Titel (33)

von nomissimon

Beim Aufräumen meiner Schreibtischschublade fällt mir ein Brief in die Hände. Auf seiner Vorderseite steht in großer Schrift „Nur in Notfällen öffnen“. Es sind meine Notfallunterlagen, die ich vor einiger Zeit notiert hatte. Pin-Nummern und Passwörter zu diversen Dingen, die im Falle einer schweren Krankheit oder meine Todes wichtig wären für meine Angehörigen. Daneben einige Anweisungen, die ich gerne erledigt hätte und was mit den paar mickrigen Kröten auf meinem Sparkonto passieren soll. Weit oben in der Liste der zu erledigenden Dinge steht das Löschen meiner sämtlichen Onlineprofile. Sie sollen keine Relikte meiner jämmerlichen Existenz bleiben und stattdessen restlos entfernt werden. Auch, weil ich es unbedingt vermeiden möchte, dass diese zu einer Art Online-Kondolenzbuch mutieren und sich entfernte Bekannte und alte Mitschüler über meinen ach so frühen Tod beklagen. Zwar bezweifle ich, dass sich nach meinem Tod viele damit beschäftigen und wirklich den Verlust bedauern, doch ich will lieber auf Nummer sicher gehen.

Die Unterlagen in meinem Notfallbrief sind wie eine kleine Zeitreise für mich. Es verschafft mir einen Einblick in meine Gedankenwelt, als ich ihn vor einiger Zeit verfasst habe. Umso wichtiger, dass ich ihn heute erneut geöffnet habe, um einige Aktualisierungen durchzuführen. Dass mein restliches Geld an eine wohltätige Stiftung geht, streiche ich und ersetze es damit, dass es mir schnurz ist, was damit passiert. Auch zerreise ich den Organspendeausweis, den ich damals in einem Anfall von Menschlichkeit ausgefüllt habe. Als ich damit fertig bin, atme ich einmal tief durch, verpacke den Brief wieder in einem Umschlag und mache weiter mit dem Aufräumen der Schublade. Weiterhin ist kein Platz über allzu gefühlsduselige Gedanken über den eigenen Tod, weil er mir immer noch so egal ist wie mein Leben.

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