Ohne Titel (35)

von nomissimon

Es ist die Nacht auf den 16. September. Bedächtig schiebt sich mein Auto über die dunkle Autobahn. Die Lichtkegel meiner Scheinwerfer drücken die Dunkelheit beiseite, der Motor summt leise. Auf der Strecke ist wenig los, ich fahre zügig. Am nächsten Morgen möchte ich sie überraschen. Möchte mit einer Tüte warmer Brötchen vor ihrer Tür stehen und ihr Lächeln sehen. Das Lächeln, für das ich die Nacht durchfahre. Laut meinem Navi sind es noch einige Hundert Kilometer, geschätzte Ankunft 8:14 Uhr. Abseits der Fahrbahn entdecke ich ein helles Schimmern. Die Fahrbahn macht an dieser Stelle eine Kurve und ein paar Bäume versperren mir die Sicht. Einige Momente später kann ich die Situation wieder voll sehen. Ein Holzhaus, wahrscheinlich eine Scheune, steht in Flammen. Sofort steige ich auf die Bremse und komme auf dem Standstreifen zum stehen. Etwas hektisch krame ich nach meinem Handy und tippe den Notruf. Ohne mich umzusehen, stürze ich aus meinem Auto, das Handy am Ohr, den Blick auf die Flammen fixiert. Nur noch im Augenwinkel sehe ich ein anderes Licht. Bevor ich reagieren kann, werde ich von einem Auto erfasst und ein Stück in die Luft geschleudert. Der Aufprall auf der Fahrbahn ist hart. Kurz spüre ich wahnsinnige Schmerzen in meinem ganzen Körper, dann setzt mein Gehirn Stoffe frei, die die Schmerzen in ein dumpfes Taubheitsgefühl verwandeln. Meine Sicht ist getrübt, auf meinen Ohren höre ich ein grelles Pfeifen. Dann verliere ich mein Bewusstsein. Für einen Moment komme ich wieder zu mir, kann Blaulichter wahrnehmen und fühle eine warme Flüssigkeit über meine Stirn laufen. Danach wird wieder alles schwarz.

Als ich aufwache, liege ich in einem Krankenbett. Der Herzmonitor neben mir gibt in regelmäßigen Abständen ein leises Piepen von sich. Meinen Kopf kann ich nicht bewegen, deshalb kann ich auch nicht an mir heruntersehen wie lädiert ich bin. Ich liege steif in dem Bett und starre an die weiße Decke über mir. Die Finger meiner rechten Hand kann ich problemlos bewegen und bin darüber wirklich froh. Erst jetzt realisiere ich die Vorkommnisse, die mich an diesen Ort statt an ihre Haustür geführt haben. Ich drücke mir eine Träne aus dem Auge, die gemächlich über meine Wange kullert, weil ich meine Arme nicht bewegen kann, um sie wegzuwischen.

Vier Wochen dauert es bis ich wieder vollständig zusammengeflickt bin. In dieser Zeit wurde ich mehrmals gefragt, ob ich Angehörige habe, die verständigt werden sollen, aber ich verneinte stets. Als ich zuhause ankomme, öffne ich meinen Briefkasten und ein Schwall an Werbebriefchen und Rechnungen rutscht mir entgegen. Oben in meiner Wohnung sieht fast alles aus wie immer, nur die Zimmerpflanzen sind mittlerweile deutlich braun geworden. Auf dem Anrufbeantworter blinkt eine kleine „01“ und als ich ihre Stimme höre, wie sie sich nach meinem Befinden erkundigt und mir sagt, dass ich mich mal wieder melden solle, bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

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