mi estas

September 2012

Ohne Titel (34)

Ich sitze in meinem parkenden Wagen und warte auf mein Mädchen. Als sie kurze Zeit nach meinem überraschenden Anruf in mein Auto steigt, drückt sie mir einen Kuss auf die Wange und fragt, was ich mit ihr vorhabe. Mit meiner Antwort, dass das Ganze hier eine Überraschung sei, gibt sie sich relativ schnell zufrieden, zumal ich hier in der Zwischenzeit auch eine Tafel ihrer Lieblingsschokolade auf den Schoß gelegt habe. Ich lasse den Motor an und gemeinsam mit ihm springt auch der CD-Spieler an, der direkt die CD dieser einen Band spielt, die ihr schon seit so langer Zeit gefällt und die ich auch ganz ok finde. Wir fahren los. Kilometer für Kilometer legen wir auf einer gespentisch leeren Autobahn zurück, nur selten kommt uns ein Scheinwerferpaar entgegen oder überholen wir ein Auto auf unserer Seite der Leitplanke. Irgendwann nimmt sie sich eine Decke, die ich auf den Rücksitz gelegt hatte und macht es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich. Schweigend lenke ich mein Auto durch die sternenklare Nacht. Als wir kurz vor Morgen an der Küste ankommen, wird sie durch das offene Fenster, von der frischen Meeresluft geweckt. Das Funkeln in ihren Augen als sie bemerkt, wo wir sind, kann ich trotz der Morgendämmerung sehen. Oder zumindest denke ich, dass ich es sehe und allein das ist mir all die Müdigkeit der letzten Nacht wert. Wenig später liegen wir unter einer Fleecedecke in den Dünen und sehen uns den Sonnenaufgang an. Sie kuschelt sich eng an mich, ich kann ihren Herzschlag so wunderbar intensiv fühlen, dass es mir die Tränen in die Augen treibt.

Ich wache auf und sehe mich um. Meine Matratze liegt auf dem Boden, weil mein Lattenrost vor Monaten kaputtging und ich seitdem keine Kohle hatte mir einen neuen zu kaufen. Die bedrückende Leere meiner kahlen und kalten Wohnung bohrt sich wie ein Pfeil in meinen Magen. Ich ziehe meine siffige Bettdecke hoch bis an mein Kinn und drehe mich mit dem Gesicht wieder zur Wand.

Bierdurst und Einsamkeit

Um kurz vor 3 steige ich in den Nachtbus. Hinter mir liegen 4 Stunden Alkohol und Verzweifelung, vor mir die verdammte Angst beim Anfahren des Busses so ungeschickt auf die Fresse zu fliegen, dass ich entweder meine halbe Kauleiste verliere oder direkt ins Krankenhaus kutschiert werden darf. Auf wackeligen Beinen suche ich mir einen leeren Platz im mittleren Teil des Busses und schaue die nächste Zeit angestrengt aus dem Fenster um ja keinen der aggressiven Asis hier im Bus mit meinen Blicken zu provozieren.

Als ich gegen 23 Uhr entschloss doch noch mal an diesem Abend das Haus zu verlassen, stand ich noch sicherer auf den Beinen. In der letzten Straßenbahn Richtung Innenstadt war nur eine Gruppe Halbstarker, die sich im hinteren Teil des Wagens lautstark unterhielten und die Wodkaflasche kreisen ließen. Auf eine gewisse Art fühlte ich mich mit dieser Bande rotzbesoffener Teenies verbunden, wie ich waren sie auf der Suche nach Abwechselung und kippten sich dafür mächtig einen in den Kopf. Doch mir war nicht danach von grimmig reinschauenden Türstehern erst begutachtet und dann als nicht würdig eingestuft zu werden. Stattdessen tingelte ich rauchend und vor allem trinkend von Kiosk zu Kiosk, immer auf der Suche nach einem kühlen Bier, nach einem kühlen Schluck Trost. Der Bierdurst und die Einsamkeit trieben mich an diesem Abend auf die Straße. An diesem Abend, den ich sonst, wie so oft, allein in meiner kleinen Wohnung verbracht hätte, vor meinem Computer mit mittelmäßiger Musik und gänzlich ohne menschlichen Kontakt. Doch auch auf der Straße wurde meine Sehnsucht nach etwas zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme nicht gestillt. Außer mit den Kioskverkäufern sprach ich nur noch ein paar kurze Sätze mit einem Flaschensammler und einer mittelalten Dame, die sich von mir Feuer geben lies bevor sie mit ihrer Truppe in Richtung des nächsten Clubs oder der nächsten Bar zog. Für mich blieb das kalte Bier, das mir half die Sorgen meine Kehle runterzuspülen. Wenn ich diese verdammte Welt weder wach, noch, dank der vielen Albträume, schlafend ertragen kann, dann wenigstens betrunken.

Alles Falsch

Vielleicht bin ich zu früh gebor’n
Oder alles ist zu spät
Diese Zeit gefällt mir nicht
Vielleicht ist dies die falsche Stadt
Oder gar das falsche Land
Dieser Ort gefällt mir nicht

August 2012